Perfides Sozialexperiment

Szene aus Friedrich Dürrenmatts »Der Besuch der alten Dame« im Naturtheater Reutlingen mit (vorn) Ulrich Heck als Alfred Ill und Julia Kars als Claire Zachanassian. FOTO: STRÖHLE

Bühne – »Der Besuch der alten Dame« im Naturtheater Reutlingen zeigt eine Gesellschaft, deren Wertekompass versagt

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Kann man als Kleinstadt ein milliardenschweres Angebot ablehnen, wenn das Wohlergehen der Kommune und ihrer Bürgerinnen und Bürger davon abhängt? Was macht das mit einem Gemeinwesen, das seine »abendländischen Prinzipien« hat, wenn die Person, die die Schenkung ankündigt, als Bedingung dafür nennt, dass jemand einen Bürger der Stadt, Alfred Ill, tötet?

Die Milliardärin Claire Zachanassian verfügt in Friedrich Dürrenmatts »tragischer Komödie« »Der Besuch der alten Dame« über finanzielle Druckmittel, die es ihr erlauben, die Bürger der Stadt Güllen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Sie tritt dabei als weltlicher Racheengel auf, der für eine Ungerechtigkeit, unter der sie selbst Jahrzehnte zuvor zu leiden hatte, Vergeltung üben will. An der Stadt, vor allem aber an Alfred Ill, der sie aus Geldgründen damals verließ und vor Gericht – mit bestochenen Zeugen – die Vaterschaft für ihr gemeinsames Kind leugnete. Was das Kind und auch Claire Zachanassian ins Unglück stürzte.

Verkrachtes Städtchen

Ill, ein biederer Zeitgenosse Mitte 60, spricht von sich, nicht ganz zu Unrecht, als einer »verkrachten Existenz in einem verkrachten Städtchen«. Der Bürgermeister, der Lehrer, die Pfarrerin und all die anderen stellen sich zunächst schützend vor ihn. Das aber sind nichts als Lippenbekenntnisse, wie sich zeigt. Bald schon ist in der Stadt Ills moralisches Versagen damals Hauptthema. Die Menschen verschulden sich in Erwartung eines künftigen Geldsegens. Womit Ill in ihren Augen zum Problem wird, weil er durch sein schieres Weiterleben ihrem persönlichen Wohlstand und der prosperierenden Zukunft ihrer Stadt im Weg zu stehen scheint.

Ein zutiefst unmoralisches Angebot also hat Dürrenmatt vor 70 Jahren zum Zentrum seines Stücks gemacht, in dem er der Gesellschaft auf den Zahn fühlt. Therese Giehse spielte bei der Uraufführung 1956 in Zürich die weibliche Hauptrolle. Nun, im Naturtheater Reutlingen, wo »Der Besuch der alten Dame« am Samstag Premiere gefeiert hat, schlüpft Julia Kars in die Rolle von Claire Zachanassian. Sie führt – zusammen mit Ulrich Heck als Alfred Ill – ein Ensemble an, das das Erodieren von Werten in einer Gesellschaft in erschütternder Beiläufigkeit vor Augen führt. Selbst Ills Frau und seine Kinder wenden sich irgendwann, nicht gehässig, aber gleichgültig, von ihm ab.

Kein Platz für Comedy

Wenn Dürrenmatt sein Drama eine tragische Komödie nennt, so ist diese Gattungsbezeichnung trügerisch. Erschreckend ist, wie aktuell das perfide Sozialexperiment wirkt, für das Claire Zachanassian im Grunde nur ein Initialfunke beziehungsweise ein Katalysator ist. In der Inszenierung von Alexander Reuter ist kein Platz für Comedy, auch kaum für »Comic Relief«, also humorvolle Elemente, um die Spannung zu mildern. Vielmehr treibt der Regisseur die scheinbare Normalität des Gesagten ins Groteske. Herz, Mit- und Verantwortungsgefühl aus, Eigennutz und Gleichgültigkeit an, scheint bei den Güllenern die Devise zu sein.

Das Bühnenbild- (verantwortlich: Catrin Brendel) und Kostümkonzept (Mechthild Scheinpflug) der Naturtheater-Eigenproduktion ist schlüssig. Man sieht die Bewohnerinnen und Bewohner des Städtchens anfangs in grauer Kleidung. Dass Claire Zachanassian den Niedergang Güllens seit Jahren herbeigeführt hat, indem sie so ziemlich alles aufkaufte, stilllegte und verfallen ließ, ahnen sie nicht. Später dann, als alle sich in Erwartung des Geldsegens verschulden, kann man das daran ablesen, dass sie nach und nach neue Schuhe, Hemden, Krawatten, Röcke, Blusen und Beffchen (im Fall der Pfarrerin), allesamt in Gelb, tragen. Auch die Vierte Gewalt, also die Medien als unabhängige Kontrollinstanz, versagt in »Der Besuch der alten Dame«.

Ingo Raiser als Richter und Butler, Holger Schlosser als Bürgermeister, Hartmut Pohnke als Lehrer, Susanne Hammann als Pfarrerin und all die anderen Darstellerinnen und Darsteller zeichnen ein glaubhaftes Bild. Wenn hier der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, so schaffen sie es, das Raubtier bieder und harmlos aussehen zu lassen. Das führt vor allem nach der Pause dazu, dass die Inszenierung eine unterschwellige Wucht entfaltet, die das Premierenpublikum am Ende der Vorstellung zu Standing Ovations veranlasste.

Sätze von Claire Zachanassian wie »Ich schaffe mir eine Weltordnung« und »Konjunktur für eine Leiche« (im Sinne von: Einer muss sterben, damit die Allgemeinheit profitieren kann), aber auch die Textzeile des wiederholt eingespielten Amy-Winehouse-Songs »Back to Black« »I died a hundred times« (Ich bin hundert Mal gestorben) wirken bitter nach. Das Theater als moralische Anstalt – hier wird es seinem Anspruch gerecht. (GEA)

www.naturtheater-reutlingen.de

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