VON CHRISTOPH B. STRÖHLE
REUTLINGEN. Kann man als Kleinstadt ein milliardenschweres Angebot ablehnen, wenn das Wohlergehen der Kommune und ihrer Bürgerinnen und Bürger davon abhängt? Was macht das mit einem Gemeinwesen, das seine »abendländischen Prinzipien« hat, wenn die Person, die die Schenkung ankündigt, als Bedingung dafür nennt, dass jemand einen Bürger der Stadt, Alfred Ill, tötet?
Die Milliardärin Claire Zachanassian verfügt in Friedrich Dürrenmatts »tragischer Komödie« »Der Besuch der alten Dame« über finanzielle Druckmittel, die es ihr erlauben, die Bürger der Stadt Güllen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Sie tritt dabei als weltlicher Racheengel auf, der für eine Ungerechtigkeit, unter der sie selbst Jahrzehnte zuvor zu leiden hatte, Vergeltung üben will. An der Stadt, vor allem aber an Alfred Ill, der sie aus Geldgründen damals verließ und vor Gericht – mit bestochenen Zeugen – die Vaterschaft für ihr gemeinsames Kind leugnete. Was das Kind und auch Claire Zachanassian ins Unglück stürzte.
Verkrachtes Städtchen
Ill, ein biederer Zeitgenosse Mitte 60, spricht von sich, nicht ganz zu Unrecht, als einer »verkrachten Existenz in einem verkrachten Städtchen«. Der Bürgermeister, der Lehrer, die Pfarrerin und all die anderen stellen sich zunächst schützend vor ihn. Das aber sind nichts als Lippenbekenntnisse, wie sich zeigt. Bald schon ist in der Stadt Ills moralisches Versagen damals Hauptthema. Die Menschen verschulden sich in Erwartung eines künftigen Geldsegens. Womit Ill in ihren Augen zum Problem wird, weil er durch sein schieres Weiterleben ihrem persönlichen Wohlstand und der prosperierenden Zukunft ihrer Stadt im Weg zu stehen scheint.