Alte Liebe rächt sich

Claire Zachanassian kommt per Sänfte nach Güllen. Szene aus "Der Besuch der alten Dame" im Naturtheater. Foto: Naturtheater Reutlingen

Theater - Im Wasenwald wird mit Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" ein schwerer moralischer Brocken witzig und spannend zerbröselt. Von Fred Keicher

"Der Besuch der alten Dame" ist 1956 erschienen. Friedrich Dürrenmatt hat seinem Stück die sehr widersprüchliche Genre-Bezeichnung "tragische Komödie" mitgegeben. Kann man lachen, wenn sich ein Schicksal vollendet? Man kann, das zeigt das Reutlinger Naturtheater. Der Tübinger Germanist Jürgen Schröder hat 2012 das Stück dem Genre Western zugeordnet:
Weil darin die Eisenbahn eine zentrale Rolle habe und sich ein Kampf zwischen Zivilisation und Wildnis abspiele. Ja, es wird sogar geschossen auf der Bühne im Wasenwald, entscheidend sind aber nicht die Kugeln, sondern der Wink mit dem Scheck. Der Kampf spielt sich in den Köpfen und Seelen der Menschen von Güllen ab.

Güllen (der Name ist bewusst gewählt) ist ein Dorf der Verlierer. Die Bühne (Bühnenbild: Catrin Brendel) starrt die Besucher Grau in Grau an. Die Fenster sind schräg, die Türen (sind) abenteuerlich schief. Die Menschen tragen Kleider in verwaschenem Grau, die Uniformen von Bahnbeamten, Polizisten und der schwarze Talar der Pastorin gelten schon fast als Farbtupfer.

Ein Ort ohne Anschluss

Und die Züge halten nicht mehr in Güllen. Sie fahren mit ohrenbetäubendem Lärm durch den Bahnhof, erinnern die Güllener mehrmals täglich daran, was sie sind: Abgehängte. Alle Betriebe sind geschlossen, und das in einer blühenden Landschaft.

Plötzlich hält eines Tages ein Schnellzug im Güllener Bahnhof. Jemand hatte die Notbremse gezogen. Das ist glänzend inszeniert als Lärmspektakel im Off. Die Bühne betritt eine illustre Delegation: Eine alte Dame in einer Sänfte mit glitzernder Bluse, knallgrüner Hose und rotem Pelzmantel. Die Sänfte wird getragen von zwei Bewaffneten. Voraus gehen zwei Blinde in Frack und Zylinder mit Sonnenbrille: Zwei Clowns. Hinter ihnen schreitet würdevoll ein weißhaariger Butler. Ein Eisenbahner protestiert lautstark wegen der Notbremse. Schnell wird klar, wer jetzt das Sagen hat. Geld spricht eine sehr überzeugende Sprache.

Es kommt CIaire Zachanassian (Julia Kars spielt sie mit kalter Entschlossenheit), um einen alten Liebesverrat zu rächen. Damals, mit 17, hieß sie noch Klara Wäscher, war schwer verliebt in
Alfred Ill (Ulrich Heck verkörpert überzeugend die ganze Tiefe des Biedermanns) und schließlich schwanger. Und wurde mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt. Jetzt, 40 Jahre und sieben Ehemänner später, kommt sie zum Showdown zurück. Sie meint es ernst. Sie setzt eine Milliarde als Kopfgeld für die Tötung von Alfred Ill aus. Sein Ende würde für die Güllener das Ende aller finanzieller Sorgen bedeuten.

Hier setzt die Katharsis ein, die Verwandlung der Charaktere. Da wird bestes Clownstheater geboten. Der Bürgermeister (Holger Schlosser) hält nichtssagende Ansprachen (manche sind übertönt vom Lärm der Schnellzüge) über Verantwortung und Vision. Die Pastorin (Susanne Hammann) verlangt Reue und Unterwerfung vom armen Alfred - Barmherzigkeit oder Vergebung hat sie nicht anzubieten. Der Lehrer beschwört "unsere abendländischen Prinzipien", er meint damit "dass sich die Güllener einiges angeschafft hätten" und sie den Kredit natürlich zurückzahlen müssten. Hartmut Pohnke argumentiert sich da schwitzend in dialektische Sackgassen.

Ein Leben auf Pump

Alfred Ill geht in sich, bereut, seine Gespräche mit der verflossenen Geliebten werden fast zärtlich. Er ist Krämer geworden. In seinem Laden kaufen die Güllener plötzlich teure Waren, lassen aber anschreiben. "Aber irgendwann müssen sie doch bezahlen!", ruft er. Ihm dämmert, dass er der Preis ist.

Gerade das Leben auf Pump bringt einen Boom ins Dorf. Die Menschen verändern sich, alle tragen immer mehr GeIb: Schuhe, Anzüge und Kleider alles in Gelb, sogar das Bäffchen am Talar der Pastorin verändert die Farbe. Nur der arme Alfred trägt immer dieselbe graue Strickjacke über seinem BäuchIein. Fassungslos sieht er zu, wie schon sein glänzender Sarg und prächtiger Blumenschmuck hereingetragen werden. Er fragt Claire, was aus ihrem gemeinsamen Kind geworden sei. Sie habe das Mädchen nur einmal gesehen, gleich nach der Geburt, es habe die Augen noch geschlossen gehabt. Sie kam ins Heim und starb dort im Alter von einem Jahr.

Regisseur Alexander Reuter hat Dürrenmatts Texl sanft gekürzt. Die Nebenfiguren kommen stark zur Geltung: Ingo Raiser als Butler der Claire spielt auch einen perfekten Geherda und Geldautomaten. SeIina Diener und Simone ScheifeIe glänzen als die blinden Koby und Loby. Dennis Blank und Markus Wild geben überzeugend die Gangster Toby und Roby als amerikanische ICE-Agenten. Einen Bodenturner hat die Regie dazu erfunden (Peter Hammann). Der gezeigte Sarg ist echt. Er stammt von einem Stuttgarter Bestattungsunternehmen.

Den tollen Kostümwechsel von Grau zu immer mehr Gelb ermöglicht Mechtlhild Scheinpflug. Für die Musik zeichnet Oliver Krämer. Er setzte schwer auf Amy Winehouse' "Back to BIack". Für den musikalischen Hintergrund sorgten am Samstagabend bei der Premiere auch lautstarke Rotkehlchen. Ein ausverkauftes Haus gab begeisterten, anhaltenden Beifall mit Bravorufen. Zu Recht.

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